13.07.2011

Feldtag Modellstandort Scheyern

Über 40 Gäste folgten der Einladung von M. Maino (M. Sc. ), Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Freising e.V. in Kooperation mit der TU München, dem Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) und dem Hausherrn Helmholtz Zentrum München zum Feldtag auf den Prielhof (Versuchsgut Scheyern).

Nach einer kurzen Begrüßung und einzelnen Impulsvorträgen durch Prof. Dr. J.C. Munch (Helmholtz Zentrum München, Institut für Bodenökologie), Dipl.-Ing. Agr. F. Wagener (IfaS) und Prof. Dr. K.-J. Hülsbergen (TUM, Lehrstuhl für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme) referierte der weltweit angesehene Landschaftsökologe Prof. em. Dr. Dr. h.c. W. Haber über sein Konzept der differenzierten Landnutzung insbesondere in Hinsicht auf die aktuellen Herausforderungen und mit Bezügen zu den Zielen des Bundesverbundprojektes ELKE.

Damit startete eine spannende Diskussion: Angefangen von der notwendigen Ernährungsgrundlage unserer Gesellschaft (und der Welt), erreichte sie schnell das Thema Landverlust durch Bautätigkeit und Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen (A & E). Durch  diesen sogenannten doppelten Flächenverlust gingen der Landwirtschaft in Deutschland beispielsweise in den letzten vier Jahren über 250.000 ha Nutzfläche verloren. Dramatische Werte für eine begrenzte Ressource!

Landwirte, Bürgermeister und Vertreter von Kommunen diskutierten in diesem Zusammenhang aktuelle A & E-Maßnahmen im Raum München, wo die Degradierung fruchtbarer Böden mittels Abschieben des Oberbodens praktiziert wird. Ziel dieser Maßnahmen ist es, artenreichen Magerrasen zu etablieren. Zahlreiche Teilnehmer sahen darin eine äußerst strittige und aus  ressourcenökonomischer Sicht kaum mehr akzeptable (unzeitgemäße) Maßnahme des Naturschutzes. Dabei stand nicht zur Debatte, alte „grüne Kulturdenkmäler der bestehenden Magerrasen“ aufzugeben, sondern vielmehr die neuen Aufgaben des Naturschutzes nach den Zielen des Bundesnaturschutzgesetzes und auch weiterer Ziele der Bundesregierung in die Praxis zu übersetzen. Damit spielen der Klimawandel und dessen Abmilderung, die Erhaltung der Biodiversität, die neue Energiepolitik zum Einsatz von Biomasse als Teil der Erneuerbaren Energien und die wichtige Erhaltung (und Stärkung) der Agrarstruktur eine entscheidende Rolle für eine zukunftsfähige Praxis in unserer Landschaftsentwicklung. § 15 Abs. 3 des BNatSchG formuliert bei der Herstellung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen ein Rücksichtnahmegebot hinsichtlich agrarstruktureller Belange. Dieser bundesweit verbindliche, neue Prüfauftrag verlangt im fachlichen Beurteilungsspielraum der zuständigen Genehmigungsbehörden eine konkrete Auseinandersetzung mit der Option produktionsintegrierter Maßnahmen als mögliche Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen. Damit soll dem doppelten Flächenverlust der Landwirtschaft begegnet werden und dadurch wertvolle, gewachsene Böden als multifunktionale Freiflächen in der sinnvollen Bewirtschaftung erhalten werden. Kosteneffizient können das nur landwirtschaftliche Betriebe leisten.

Im Gelände zeigte der Betriebsleiter des Prielhofes Dipl.-Ing. Agr. G. Gerl an den ersten zwei Stationen, was in der Landwirtschaft hinsichtlich Erosionsreduzierung, Steigerung der Ressourceneffizienz der Kulturen und Landschaftsgestaltung durch Raine und Einzelbäume im landwirtschaftlichen Betrieb ohne eine Einschränkung der Bewirtschaftung bereits möglich ist. Prof. Dr. K.-J. Hülsbergen und sein Laborleiter Dipl.-Ing. Agr. H. Schmid stellten an weiteren Stationen im Gelände vor, welche Fragestellungen aus landbaulicher Sicht an den Agroforstsystemen bearbeitet werden und gaben Einblicke in erste spannende Ergebnisse in ELKE. Ein Glücksfall und bundesweit einzigartig ist der Anbau von identischen Agroforstsystemen zum einen in konventionell integrierter und zum anderen in ökologischer Bewirtschaftung im direkten Raumvergleich. So können auch hinsichtlich der Bewirtschaftungsweise Unterschiede herausgearbeitet werden.

An der landschaftsökologischen Station gab F. Wagener Einsichten in die feldbiologischen Grundlagenerhebungen im direkten Raumvergleich, die Einpassung solcher Anbausysteme in das Landschaftsbild und die Einbindung in das regionale Stoffstrommanagement als Grundlage regionaler Wertschöpfung. Für den Erfolg des Bundesverbundprojektes ELKE werden genau diese Ergebnisse als Bezugsgröße zu den tatsächlichen Aufwertungen maßgeblich sein, um von der Eignung derartiger produktionsintegrierter Maßnahmen zu überzeugen.

Der Gesetzgeber hat die grundsätzliche Eignung solcher Maßnahmen durch die Neuregelung des BNatschG ausdrücklich bekräftigt. So wurde auch in den spannenden Diskussionen im Feld klar, dass unsere Kulturlandschaft nicht mit einer pflegeintensiven Parklandschaft verwechselt werden darf, die weder flächig finanzierbar ist, noch den Anforderungen unserer Zeit gerecht werden kann. Im Ergebnis - und da waren sich alle einig - müssen wir unsere begrenzte Ressource Freifläche effizient nutzen und das bedeutet mehr Nutzungen/Leistungen auf derselben Fläche zu etablieren, um den aktuellen Anforderungen hinsichtlich Biodiversität, Landbau und Biomasseerzeugung, Klima- und Umweltschutz gerecht werden zu können. ELKE schafft dafür wichtige bundesweite Grundlagen und neue Werkzeuge. Landwirte, Bürgermeister, Landräte, Politiker, Vertreter der Unteren Naturschutzbehörden und der ehrenamtlichen Naturschutzverbände, Jäger, Förster, Imker, Mitarbeiter des Flughafens München und der Stadtgüter München, Wissenschaftler und weitere Interessierte bereicherten die lebhafte und vor allem fachlich übergreifende, mitunter kontroverse Diskussion. In einem Punkt war man sich über manche Differenzen hinweg einig: Wir brauchen neue Instrumente und neue Rollenverständnisse. In ELKE erarbeiten dafür konkret in der Praxis Landwirte, Kommunen und Naturschützer gemeinsam gute Beispiele, wie hier in Bayern.

Die abschließende zünftige bayrische Brotzeit auf dem Prielhof diente dem leiblichen Wohl und bot gleichzeitig eine angenehme Atmosphäre, um das Gesehene und Diskutierte wie auch neue Einsichten zu vertiefen und Partnerschaften zu besprechen.

Die unbequemen Wahrheiten der Ökologie - Eine Nachhaltigkeitsperspektive für das 21. Jahrhundert von Wolfgang Haber sind als weiterführende Lektüre und Vertiefung sehr zu empfehlen.

Die zum Feldtag gehaltenen Vorträge finden Sie über die folgenden Internetverweise: 

Prof. Dr. K.-J. Hülsbergen (TUM, Lehrstuhl für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme)

Prof. em. Dr. W. Haber (TUM, Lehrstuhl für Landschaftsökologie)

Dipl.-Ing. Agr. F. Wagener (IfaS)